Welche Fahrerassistenzsysteme lohnen sich wirklich?

Elektronische Assistenzsysteme werden bei Autofahrern immer beliebter. Sie sorgen für mehr Sicherheit und Komfort im Strassenverkehr, bergen aber auch Risiken. Wir geben Ihnen den Überblick.

Selbstfahrende Autos gibt es bis jetzt erst in Hollywood-Filmen und Science-Fiction-Büchern. Die Technik macht jedoch schnelle Fortschritte. Neue Fahrzeugmodelle haben bereits diverse Assistenzsysteme verbaut, welche den Fahrer bei einzelnen Aufgaben unterstützen. Dadurch soll das Autofahren sicherer, einfacher und umweltfreundlicher werden.

Möglich werden Fahrerassistenzsysteme dank viel Elektronik und verschiedenen Sensoren. Diese überwachen auf der Strasse ununterbrochen den Zustand des Fahrzeugs und des Fahrers. Falls es nötig wird, greift das Assistenzsystem automatisch ein.
Ein Beispiel gefällig? Vermutlich haben Sie schon vom Antiblockiersystem (ABS) gehört. Dieses wurde vor rund 50 Jahren zuerst bei Flugzeugen getestet und gehört mittlerweile auch bei Autos und Motorräder zur Standardausstattung. Dank dem ABS blockieren die Räder bei einer Vollbremsung nicht mehr; das Fahrzeug bleibt also weiterhin lenkbar. So können Schleuderunfälle verhindert werden. Ähnlich funktioniert die elektronische Stabilitätskontrolle (ESC), welche heute ebenfalls zum Standard gehört. Wenn das Fahrzeug auszubrechen droht, wird das innerhalb weniger Millisekunden erkannt und über das Ansteuern der einzelnen Räder verhindert.

Das ist aber erst der Anfang! Unterdessen sind Fahrerassistenzsysteme so weit fortgeschritten, dass sie dem Fahrer einen Grossteil der Arbeit abnehmen können. Was für Folgen diese Entwicklung hat, wissen allerdings nur die Wenigsten: Gemäss einer Studie der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) kennen sich in der Schweiz nur etwa 10 % aller Autofahrer gut mit Fahrerassistenzsystemen aus. Das soll sich ändern: Wir erklären Ihnen in diesem Artikel deshalb, was die Vorteile der einzelnen Systeme sind, wie die rechtliche Situation aussieht und welche Investitionen sich wirklich lohnen.

Diese Assistenzsysteme sind heute Standard

Die Verbreitung von Assistenzsystemen hat gerade erst richtig begonnen. Entsprechend gibt es zwischen den einzelnen Fahrzeugklassen, Preisniveaus und Herstellern im Moment auch noch grosse Unterschiede. Standardmässig dabei sind heutzutage, wie erwähnt, das ABS und die elektronische Stabilitätskontrolle. Auch ein Spurhalteassistent, ein Tempomat und ein System zur Müdigkeitsüberwachung sind mittlerweile in vielen Neuwagen zu finden. Übrigens: Selbst wenn diese Dinge nicht serienmässig eingebaut sind, kann man sie häufig optional dazu kaufen oder nachrüsten lassen.

Grundsätzlich gilt: Je teurer das Auto, desto mehr Assistenzsysteme sind vermutlich integriert. Aktuelle Fahrzeuge von Tesla können dank eines Distanzreglers beispielsweise komplett selbstständig auf der Autobahn fahren, die Spur wechseln und am Zielort auch gleich selber parkieren.

Auf AutoScout24 können Sie übrigens die verschiedenen Wagen in der erweiterten Suche nach Fahrerassistenzsystemen filtern. So müssen Sie sich nicht mühsam durch die Konfigurationen der verschiedenen Autos klicken.

Assistenzsysteme machen das Autofahren aber nicht nur angenehmer, sondern auch sicherer. Die EU hat deshalb beschlossen, dass einzelne Fahrerassistenzsysteme für Neuwagen bald obligatorisch sein sollen. Neben Rückfahrkameras und einer Müdigkeitserkennung werden auch Spurhalte- und Notbremsassistenten zur Pflicht. Insgesamt sind es rund 30 Funktionen, welche bald in keinem Neuwagen mehr fehlen werden. Für neu konstruierte Fahrzeuge gelten diese Vorgaben ab 2022 und für bestehende Modelle ab 2024. In der Schweiz sind diese Vorgaben zwar offiziell nicht verpflichtend, allerdings verkaufen Hersteller bei uns normalerweise dieselben Wagen wie im Rest Europas. In der Praxis werden diese Assistenzsysteme also auch in unseren Autos zum Standard. Das bringt uns zur Frage: Machen Fahrerassistenzsysteme den Strassenverkehr tatsächlich sicherer? Oder ist es doch nur eine Spielerei?

Das sind die Vorteile von Fahrerassistenzsystemen

Wenn sich Autokäufer für ein Assistenzsystem entscheiden, steht häufig der zusätzliche Komfort im Vordergrund: Das Fahren wird bequemer und man kann sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Verkehr konzentrieren. Für einige Automobilisten leidet der Fahrspass darunter, andere würden nicht mehr ohne Assistenzsystem auf die Strasse. Es ist deshalb schwierig, allgemeine Aussagen über den zusätzlichen Fahrkomfort zu treffen.

Auch die zusätzliche Sicherheit, welche Assistenzsysteme bringen, lässt sich nur schätzen und leider nicht messen. Die entsprechenden Zahlen variieren deshalb stark von Studie zu Studie. Als zuverlässige Quelle gilt die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU).  Dort glaubt man, dass rund die Hälfte aller schweren Unfälle durch ein Fahrerassistenzsystem verhindert werden können (zur Studie).
Allein mit dem Notbremsassistent könnte zum Beispiel jeder zweite Auffahrunfall abgewendet werden. Und dank der elektronischen Stabilitätskontrolle gibt es rund 80 Prozent weniger Schleuderunfälle. Eine EU-Studie (zur Studie) hat ausserdem herausgefunden, dass durchschnittlich jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen ist. Ein Teil dieser Schäden könnte durch die Müdigkeits- und Aufmerksamkeitsüberwachung vorgebeugt werden.

Weniger tragisch, dafür umso nerviger sind die Kosten, welche durch Bussen und Parkschäden entstehen. Mit der automatischen Parkhilfe lassen sich Kratzer und Blechschäden beim Einparken fast komplett vermeiden. Und die Verkehrsschilderkennung zusammen mit dem Geschwindigkeitsbegrenzer kann Autofahrer effizient vor Geschwindigkeitsbussen bewahren.

Kurz und knapp: Die drei wichtigsten Vorteile von Fahrerassistenzsystemen

  • Mehr Fahrkomfort
  • Tieferes Unfall- und Verletzungsrisiko
  • Weniger Blechschäden und Versicherungsfälle

Welche Risiken bergen Fahrerassistenzsysteme?

Die Assistenzsysteme haben allerdings nicht nur positive Effekte: Eine Studie des Schweizer Beratungsunternehmen EBP hat ergeben, dass Fahrerassistenzsysteme unter Umständen sogar mehr Unfälle verursachen als verhindern. Das grösste Risiko sei gemäss den Autoren, dass sich Fahrer zu stark auf die Hilfsfunktionen verlassen und im Notfall nicht rechtzeitig eingreifen. In den USA hat es deshalb schon mehrere Todesfälle gegeben. Zudem darf man nicht vergessen, dass Fahrerassistenzsysteme im Moment noch nicht immer zuverlässig sind. Sie sind zum Beispiel abhängig von Licht- und Wetterverhältnissen sowie von der aktuellen Verkehrssituation.

Ausserdem ganz wichtig: Wenn Sie in einen Unfall verwickelt sind, weil Ihr Assistenzsystem falsch reagiert hat, ist das trotzdem Ihre Schuld. Das Schweizer Bundesgericht hat dies ganz klar entschieden. Je nachdem kann Ihnen ein schlechter Distanzregler oder eine fehleranfällige Parkhilfe also einen schlimmen Blechschaden und eine hohe Rechnung einbrocken. Und diese können Sie nicht an den Hersteller weiterleiten.
Je mehr Sie sich also auf die Assistenzsysteme verlassen, desto mehr Verantwortung geben Sie ab. Besonders pikant: Hacker demonstrieren immer wieder, wie sie sich Zugriff auf Fahrerassistenzsysteme verschaffen und diese manipulieren können.

Die zusätzliche Elektronik ist aber nicht nur ein Sicherheits-, sondern auch ein Kostenrisiko: Für die verschiedenen Assistenzsysteme sind diverse Sensoren notwendig. Wenn bei einem harmlosen Blechschaden einige dieser Sensoren kaputt gehen, ist die Reparatur plötzlich viel teurer als sie normalerweise wäre. Unter Umständen muss sogar das ganze Assistenzsystem ausgetauscht werden.

Kurz und knapp: Die drei grössten Risiken von Fahrerassistenzsystemen

  • Man ist im Verkehr schneller abgelenkt
  • Unfälle durch fehlerhafte Assistenzsysteme sind von der Versicherung nicht gedeckt
  • Kleine Reparaturen können durch Sensoren aufwändiger und teurer werden

Darauf müssen Sie beim Kauf achten

Es lohnt sich, wenn Sie sich vor dem Autokauf überlegen, welche Fahrerassistenzsysteme Sie gerne hätten. Lassen Sie sich dabei nicht vom Marketing der einzelnen Hersteller verwirren. Häufig haben die verschiedenen Automarken unterschiedliche Begriffe für dieselben Fahrerassistenzsysteme.
Beachten Sie auch, dass diese Systeme nicht bei allen Autos gleich gut funktionieren. Am besten lesen Sie dafür unabhängige Testberichte im Internet oder lassen sich von einer neutralen Fachperson beraten. Und merken Sie sich: Nur weil Ihr Auto unterdessen vermeintlich selbstständiger fährt als noch vor zehn Jahren, dürfen Sie sich auf der Strasse nicht zurücklehnen. Denn Sie haften nach wie vor für alle Schäden.

Wenn Sie noch mehr über die einzelnen Assistenzsysteme wissen möchten, sollten Sie unbedingt unsere vertiefenden Artikel zu den einzelnen Technologien lesen.

 

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