Trackwalk und 3 Fragen an Nico Müller zur Formel-E in Bern

Nach 65 Jahren findet 2019 mit der Formel-E wieder ein Autorennen in Bern statt. Nachdem letztes Jahr der Swiss E-Prix bereits in Zürich stattfinden konnte, laufen die Vorbereitungen für das Rennen am 22. Juni 2019 in Bern auf Hochtouren. Wir haben zusammen mit DTM-Rennfahrer und AutoScout24-Markenbotschafter Nico Müller die Rennstrecke in Bern bereits im Vorfeld besucht.

Die Formel-E ist seit 2014 das erste internationale Motorsport-Event mit elektrischen Rennwagen. Insgesamt 22 Fahrer aus 11 Teams treten während der siebenmonatigen Saison in verschiedenen Städten auf allen fünf Kontinenten gegeneinander an. Hier treffen Rennsport-Unterhaltung, Fans und Innovationen aufeinander.

Im exklusiven Video erklärt Nico Müller, der für die Formel-E als Test- und Entwicklungsfahrer im Einsatz ist, die wichtigsten Stationen und Abschnitte im Berner Obstbergquartier inklusive ihrer Herausforderungen.

3 Fragen an Nico Müller

Zürich vs. Bern

Seit 2018 sind Autorennen in der Schweiz wieder erlaubt. In Zürich erstreckte sich der 2,46 km lange Formel-E-Kurs mit 11 Kurven entlang des Zürcher Seebeckens. Die Formel-E-Rennstrecke 2019 in Bern bringt mit ihrer starken Neigung und Steigung ein Novum, das es in der Seriengeschichte noch nie gab. Zudem werden die Schikane auf der Laubeggstrasse und die Haarnadelkurve im Alten Aargauerstalden weitere Herausforderungen für die Rennfahrer darstellen. Fans können sich auf ein unvergessliches Rennsport-Erlebnis freuen.

AS24:

Wo liegen deiner Einschätzung nach die Unterschiede der Rennstrecken Bern und Zürich? Wird es merkliche Unterschiede geben in der Mentalität der Zuschauer?

Nico Müller: 

Die Unterschiede zwischen den beiden sind recht gross. In Bern hat man einen extremen Höhenunterschied über die ganze Runde gesehen. Es gibt starkes Gefälle und auch wieder steile Anstiege. Das ist nicht nur spektakulär anzuschauen, sondern bringt auch technische Herausforderungen mit sich. Beim Berg runterfahren kann man natürlich Energie wiedergewinnen ohne viel Zeit zu verlieren. Beim Berg hochfahren muss man aber auch wieder viel Energie freisetzen. Das führt dann dazu, dass relativ viel Temperatur generiert wird in der Batterie. Das ist so ähnlich wie bei einem Handy - wenn man das einsteckt und benutzt, also gleichzeitig Energie einspeist und verbraucht, dann erwärmt es sich. Bei einem Formel-E-Auto ist das auch so, aber in einer anderen Dimension. Falls also die Aussentemperaturen am 22. Juni hoch sein sollten, kann Temperaturmanagement durchaus ein Thema werden.

Zum Publikum - ich glaube da wird es keine grossen Unterschiede geben. In Zürich war das Publikum sehr durchmischt und ich gehe davon aus, dass das in Bern auch der Fall sein wird. Es gab ein riesiges Interesse an dem Rennen in Zürich. In Bern stehen die Zeichen auch gut - die Tickets waren innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft, darum erwarten wir da auch ein richtig tolles Spektakel.

Attackmode

In der aktuellen Saison wurde der sogenannte Attackmode als weiteres taktisches Element eingeführt. Um ihn zu aktivieren, müssen die Fahrer eine Aktivierungszone durchfahren, die abseits der Idealstrecke liegt. Auf diese Weise kann eine zusätzliche Leistung von 25 kW gesammelt und anschliessend ein paar Runden lang für einen offensiveren Fahrstil genutzt werden. Um die strategische Planung der Teams zu erschweren, wird erst 60 Minuten vor Start festgelegt wie oft und wie lange der Attackmode eingesetzt werden kann.
Er erinnert ein wenig an DRS (kurz für: Drag Reduction System) aus Formel 1 und DTM. Dabei handelt es sich um eine Technik, die zu bestimmten Zeitpunkten im Rennen eingesetzt werden kann. Ein Teil des Fahrzeug-Heckflügels wird dafür flacher gestellt und verringert den Luftwiderstand so, dass der Rennwagen bis zu 15 km/h schneller ist.

AS24:

Wo siehst du als Rennfahrer Vor- und Nachteile des neuen Attackmode (auch im Vergleich zur DRS-Zone)?

Nico Müller: 

Der Attackmode ist ein grosses Spannungselement geworden in der Formel-E. Zwar muss man, um ihn zu aktivieren die Ideallinie verlassen und verliert deshalb etwas Zeit, aber du hast anschliessend mehr Leistung zur Verfügung. Du kannst damit schneller fahren und angreifen. Deshalb ist es taktisch sehr wichtig, wann aktiviere ich den Attackmode ohne Positionsverlust? Wann habe ich den maximalen Benefit von der Mehrleistung und kann Überholmanöver lancieren? Das wird sicherlich auch in Bern ein Thema sein, weil wir hier eine sehr schnelle, flüssige Strecke mit langen Geraden haben. Und da ist mehr Dampf unter der Haube ganz wichtig und deshalb denke ich, dass der Attackmode in Bern auch den Unterschied machen könnte.

FANBOOST

Mit dem FANBOOST gewährt die Formel-E den Fans eine aktive Rolle bei der Beeinflussung des Ergebnisses. Mithilfe eines Onlinevotings werden die fünf beliebtesten Fahrer ermittelt. Sie erhalten einen zusätzlichen 100 kJ-Energieschub, den sie in der zweiten Rennhälfte einsetzen können. Nach der Aussage vom deutschen Autorennfahrer Daniel Abt im letzten Jahr, dass andere Fahrer bezüglich der FANBOOST-Abstimmung betrügen würden, hat Formel-E-Vorsitzender Alejandro Agag nochmals bestärkt, dass das System sehr zuverlässig ist.
Es diene dazu die Fans so gut wie möglich am Rennsport teilnehmen zu lassen. Sie können mit dem Voting also ihre(n) Lieblingsfahrer unterstützen. Das macht die Formel-E einzigartig.

AS24:

Wie siehst du das – vielleicht auch im Vergleich zu anderen Motorsportkategorien? Verändert es auch das Verhältnis von den Rennfahrern zu den Fans und sogar ein bisschen den Beruf des Rennfahrers?

Nico Müller:

Der FANBOOST ist auch eine interessante Komponente. Das ist ein kurzer Powerboost, der einmalig im Rennen genutzt werden kann und durch die Abstimmung der Fans vergeben wird. Er verschafft einem, richtig eingesetzt, einen deutlichen Schub und somit ist der Einfluss der Fans vielleicht höher als man meint. Dementsprechend ist es wichtig sich um die eigene Fanbase zu kümmern, sie stetig zu vergrössern und sie zum Abstimmen zu motivieren. Man muss also auch da Zeit und Energie investieren. Dadurch wird sicherlich auch die Beziehung zwischen Fans und Fahrern gestärkt und das ist eine gute Sache.